Samstag, 15.10.2005
Angeheizt: Jahrgangskohle 2005 im Hause Indica eingetroffen

Wintereinbruch. Es ist unübersehbar in meinem Wohnzimmer und in meinem Keller. Die jährliche Kohlenlieferung ist eingetroffen.
Meine Laune schwankt in der Heizperiode erheblich. Ich werde wetterfühlig wie eine Gichtpatientin im fortgeschrittenen Stadium. Muss ich schon oder kann ich's noch rauszögern? Reichen Wärmflasche, Radiator und Wolldecke noch? Gefühlter Heizbeginn: keinesfalls vor dem 15. Oktober. Realer? Immer schön von den Witterungsbedingungen abhängig. An dieser Stelle ein aufrichtiger Dank nach oben für den sonnigen, warmen Herbstbeginn, der mir bislang zittrige Abende in Fleece-Shirt und Wollsocken und die Geldausgabe erspart hat. Die erste Kohle des Jahrgangs 2005 ist also ordnungsgemäß dreckfrei geliefert worden, der Auftakt zur Heizperiode 05/06 bislang als extrem gut zu bezeichnen.
Was Herbst und Winter noch bringen mögen? Fragt mich doch mal Anfang März. Wenn meine Laune ob der täglichen Ofen-Befüllerei und des Ascheschaufelns neben meinen Rest-Eierkohlen im Keller darniederliegt. Der Berliner Winter sich hartnäckig weigert, vor dem 1. Mai abzuziehen. Ich hasse den Winter und in Berlin nochmal ganz besonders.
Aber ich bin ebenso eine Stütze der deutschen Wirtschaft, insbesondere des Berliner Kohlenhandels und darf mich deshalb nicht übermäßig beschweren. Naturgemäß ist der Kohlenhandel eine aussterbende Branche - die Zahl der abgerissenen Öfen kann nie wieder durch Spaß-Kamine und Romantik-Alibi-Öfen in Einfamilienhäusern in den Außenbezirken und im Speckgürtel ersetzt werden. Drei Kohlenhändler hab ich in 20 Jahren schon überlebt. Der letzte seiner Art, auch er von einem aufgebenden Vorgänger weiterempfohlen, zeichnet sich durch exquisiten Service aus. (Kurze Unterbrechung für die Werbepause: Kohlenkauf nur bei Richard Kögler in der Körtestraße 18. Billigkohle beim Geiz-ist-geil-Händler taugt nix, da wird viel zu viel Ruß in den Eierkohlesäcken mitgeliefert und bei der Brikettzahl in den Bündeln betuppt.)
Die Kohlenmänner meines Vertrauens also wuchteten fast staubfrei ihre Last nach oben. Ich bewundere ihre männliche Kraft und Ausdauer - und das meine ich übrigens ironiefrei. Wir kennen uns nun seit fünf Jahren und ich weiß: Behandle deine Kohlenmänner gut und sie hinterlassen deine Wohnung spurenfrei! Und enstauben deine Eierkohlen liebevoll von Hand. Trennen den jahrzehntelang abgesetzten Ruß vom wertvollen Brennstoff in der Kohlenkiste im Keller. So geschehen gestern. Hier der Warnhinweis für Faulpelze, Unbedarfte und Heizneulinge: Den fiesen Sedimentmix aus Kohle und Ruß zusammen in die Schütte schaufeln und in den Ofen kippen geht gar nicht. Führt zu Räuchereffekten in leichteren Fällen. Zu Verpuffung oder gar Zimmerbrand in den schlimmeren. Einziger Feind der Kohlenlieferung ist übrigens der Regen. Gegen Wasser von oben, Schlieren und Matsch hat selbst der reinlichst arbeitende Kohlenmann keine Chance.
Die Reaktion meiner Freunde, besonders frisch Bekannter lautet regelmäßig: "Oooh, wie gemütlich. Ofenheizungsluft ist doch vieeeel schöner als Heizung." Klar, wenn man in einem zentralgeheizten Elternhaus aufgewachsen ist, am besten mit Kamin für die Romantikfeuerchen. Menschen, die nie in ihrem Leben Tag für Tag Brikettasche wegkehrten, um festzustellen, dass der Wohnungschamasin doch nur die Staubschicht auf den Büchern verstärkt und dauerhaft rot färbt. Denen sich die Anschaffung eines hellen Teppichs nicht von vorneherein verbietet. Die einfach am Heizungsknopf drehen, egal nach wie vielen Tagen Dienstreise oder Mama-Besuch sie die häusliche Hütte wieder bei Minusgraden betreten.
Jene Übriggebliebenen oder Wiederzugezogenen, die noch die Verhältnisse der Vorwendezeit kennen, wissen, was ich meine. Wohnungen für 80 Mark, Hinterhaus parterre, fließend Kaltwasser und "OH". Gern auch mit schlecht ziehendem, aber häufig trotz Dienstbotenlage üppig verziertem Kachelofen. Der zum Extremfrühaufstehen zwang. Anheizen um sechs Uhr früh. Als Student! Kam's besonders dicke, gehörte im Schlauchbad noch ein kupferner Badeofen über Löwenfußbadewanne dazu. Die Älteren unter uns werden sich mit Schrecken daran erinnern: Vorheizen zum wöchentlichen Wannenbad. Öfter mochte keiner das auf sich nehmen. Das waren die "guten alten Zeiten", mit denen heute keiner mehr tauschen möchte. Zu Recht. In denen "Duschen gehen" alternativ hieß: "Schwimmen gehen", um die Heißwasserabteilung im Schwimmbad des Vertrauens aufzusuchen.
Ich dagegen lebte damals schon wie die Made im Speck, genauer gesagt, wie der Fisch im Zoo-Aquarium. Trotz Badezimmers mit fließend Heißwasser, jawohl elektrischem Strom in der ganzen Wohnung und Innentoilette!, liegt das damals neueste, das Spreewaldbad, einfach so, nur für mich, in fußläufiger Nähe meiner Wohnung. Ich erlaubte mir, rein aus sportlichen Gründen, schwimmen zu gehen. Heute ist das anders, denn Schwimmen ist bei Eintrittspreisen von 4 Euro die Stunde zu einem Luxussport, ähnlich dem Polospiel, geworden.
Doch zurück zum Element Feuer und zur Brennstoffkunde: Nein, Rekord-Briketts kommen mir nicht in den Keller. Die erzeugen entschieden zu viel von diesem häßlichen braunroten Staub bei viel zu wenigen Kalorien. Bei mir kommen nur Union-Westkohlen in den Brenner, die sich durch artuntypische Diskretion bei den Verbrennungsrückständen auszeichnen. Viel Brennwert bei wenig Geschleppe. Die Kohlenmänner wissen, was ich meine.
Es gab übrigens mal die "Innenstadtverordnung" des Senats. Damals Anfang der 90er, als durch die Eingemeindung Ostberlins die Schadstoff-Statistiken völlig auseinanderknallten. Ich schöpfte Hoffnung, dass, wie vorgeschrieben, auch meine noch deutlich im S-Bahn-Innenstadtring liegende Wohnung sich endlich in eine feinstaubfreie Zone verwandeln sollte. Aber nix da. Ganze Ostberliner Wohngebiete wurden mit Wiedervereinigungsmillionen fix zu rentablen Spekulations- und Szenewohngebieten umsaniert. Geld für die Altwestberliner Innenstadtsanierungsgebiete? War schneller gestrichen, als eine Schütte Eierkohlen runtergebrannt ist. Meine Katzen, der männliche Begleiter und ich röchelten im Schlaf weiter auf der damals noch studentisch auf dem Boden liegenden Matratze. Abhilfe von der nächtlichen CO2-Vergiftung gab's erst bei gefühltem Relativ-Reichtum und mit einem Bett auf Füßen.
Fitnessstudio, nein, wirklich danke. Ich wohne im vierten Stock. Bin aber versnobt, degeneriert und reich genug geworden, um mir zumindest einen Teil der Briketts nach oben liefern zu lassen. Mit Bewunderung denke ich immer noch an Ex-Mitbewohner Sascha, der bei lockerem Muskelspiel zwei 25-Kilobündel flott nach oben trug. Ich schätze junge, männliche Studenten seitdem in meinem Bekanntenkreis sehr. Meine Armmuskulatur dagegen ist bei zwei Eierkohlenschütten, die mir zweimal wöchentlich geblieben sind, voll ausgelastet. Gefühlt, nie nachgewogen, mit je zehn Kilo gefüllt. So bleibt das Trainingspensum maßvoll. Vorausgesetzt, es gibt keinen der verhassten Permafrosteinbrüche im Dezember, Januar, Februar, März. Mit Minus 10 Grad oder weniger. Die Eishölle, um mal eine ganz paradoxe, aber hübsche Wortkreation zu verwenden.
Manche behaupten erstaunt, ich hätte doch schon immer eine Heizung gehabt, dieses diskret gekachelte Objekt in der Zimmerecke könne doch überhaupt kein Ofen sein. Doch, doch. Allesbrenner, Umluft. Erkläre ich stolz, denn in seinem mir angenehmen Vanillegelb versendet er sich und unterscheidet sich wohltuend von eisenummantelten Schlicht-Allesbrennern. So ist der Ofen selbst kein ästhetisches Problem. Die Brikettstapel daneben schon, insbesondere für mich als Vorsitzende der Selbsthilfegruppe guter Geschmack.
Ich tröste mich damit, dass ich die Elite bin. Abbau der fossilen Brennstoffe hin. Umwelbelastung her. Die Einzige, die sich bei steigenden Öl- und Gaspreisen noch den Luxus einer durchgängig warmen 70-Quadratmeter-Wohnung leisten kann, die bin ich!
Kommentare
Meinen ersten Berliner Winter (Wedding, vierter Stock, Kohlen natuerlich im Keller) habe ich in fester Erinnerung. Ich habe mir alle zwei Naechte den Wecker auf eine brutale Zeit gestellt und habe die Kohle im Finstern geschleppt. So kam es mir vor wie ein boeser Traum und ging irgendwie leichter.
Staubwischen, oh ja. Ein verdorbener Sommerhut und eine recht elende Lernkurve nach jedem Umzug, wenn der neue Ofen kennengerlernt werden musste.
Uebrigens hat mir Y. fuer diesen Winter (der ja hier laecherlich mild ist, aber dessen kalte Naechte mir trotzdem zu schaffen machen) eine Heizdecke geschenkt. Dann kann ich gleichzeitig meiner Liebe zu frischer Luft und meinem Drang nach Waerme um die Nieren froenen. Mal sehen, wie das ist. Bisher herrscht ja hier Chamsin ;-) Aber das waere doch was fuer Dich. Wenn es angenehm ist, lass ich Dich's wissen. Falls ich nicht selbst drauf verkohle.
Lila, an dich habe ich beim Schreiben inständig gedacht. Allerdings erinnere ich mich eher an jene Winter in deiner Neuköllner Wohnung, die du frierend und mit Radiator hinter dir herziehend verbracht hast. :-) Die Wohnung war so weitläufig, im Erdgeschoss und in ihrer Größe einfach unmöglich komplett zu beheizen, ohne den Tag kontinuierlich mit dieser Übung zu verbringen.
Ich bitte um Produkttest - und werde mir ggf. Entsprechendes zu Weihnachten wünschen. Heizdecke, das klingt gut. Nach Heizkissen für Fortgeschrittene.
Da merke ich wieder,dass ich eigentlich die verwöhnte, verzogene Stadtgöre bin.Ich bin nun schon reich an Jahren, aber arm an Heizerfahrung, abgesehen von einer Woche in einem Holzhaus im Schwarzwald. Da fror ich erbärmlich, weil ich den Kohleofen nicht in den Griff bekam.
Ich kann nur aufdrehen und zudrehen.
Wie ich das liebe. Meine erste Berliner Wohnung. Kachelofen und 4. Stock. Dazu Einscheibenfenster und Brandmauer. Und natürlich Klo halbe Treppe tiefer.
Ich habe damals zu den wärmenden Teilen meiner Wohnung eine so intensive Beziehung aufgebaut, damals im Wedding, daß ich ihnen Namen gegeben habe, was ich nie vorher noch nachher getan habe. Die Wohnung war ja wirklich viel zu groß für den einen Ofen (der noch dazu dauernd kaputtging). Der Heizlüfter hieß Heinz, die Wärmflasche Felix und der Radiator Betsy. Nur dank Heinz, Felix und Betsy habe ich damals überlebt, und auch das nur mit Mühe. Die Nierenentzündung, die ich mir damals geholt habe, erlebe ich manchmal im Traum noch einmal... aber schön war es trotzdem.
Oh, die Einscheibenfenster und die Außentoiletten. Kenne ich nur von Freundesbesuchen. Wer ein Außenklo für sich allein hatte, durfte sich zu den Glücklichen zählen. Ungern wurden ältliche männliche Nachbarn akzeptiert. Insbesondere für die Freundinnen ein nicht nur ästhetisches, sondern ein vor allem hygienisches Problem!
Ach ja, meiner heißt Sylvester. Das strahlt so was Beruhigendes aus. Wärmflasche, Radiator und Fleeceshirt sind namenlos.
Ich habe auch ein kleines Dinkelkisssen, das ich mir bei Bedarf heiss auf schmerzende Stellen lege. Es riecht gut, und die Maedchen haben es "Mamas heisse Wurst" genannt. Das Ding sieht naemlich wirklich aus wie eine Wurst...
(Zu früh auf Eintragen gedrückt.) Nachtrag: Außenklo hatte ich nie, aber das Weddinger Innenklo war keine Schönheit. In Kreuzberg und dann Neukölln, wo ich später hinzog, waren die Bäder nachträglich eingebaut und kaum zu lüften. Das war schwierig, Schimmel und so.
In Kreuzberg hatte ich auch den Ausblick auf eine wunderschöne, vielfarbige alte Brandmauer, in Neukölln dagegen alte Bäume (Alt Rixdorf, bei der Schmiede). Heute tut es mir leid, daß ich diese Ausblicke nie photographiert habe.
Für mich verwöhntes Kind aus gutem Elternhaus (zuhause eigene Etage, zwei Zimmer plus Bad) war das Wohnen in Berlin wunderbar. Eben eine richtige Umstellung, und das wollte ich auch so. Übrigens stehen im Haus meiner Eltern insgesamt vier schöne eiserne Öfen und ein offener Kamin, mit denen auch geheizt wird - aber eben nur als Ergänzung zur Bodenheizung. Und nur Holz, keine Kohle.
Soll ich meine Zentralheizungszeit in nur zwei Jahren meines Lebens im Studentendorf Schlachtensee schon abgewohnt haben? Da war zwar Heizung, aber auch nicht gut: Dünne Wände, Einfachfenster, keine Isolierung - Wärmeregulation nur durch heftiges Fensteraufreißen auch bei Minus 20 Grad möglich.
Mit meiner elterlichen Kohle- und Ölofenvergangenheit ziehe ich Ofenheizungen offenbar an. Selbst in Madrid hatte ich ein eiskaltes Zimmerchen nur mit Heizspirale. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich glaube, ich bin so ein Zentralheizungselternhauskind. Aber in der Übergangszeit wurde mit Holz geheizt. Im Specksteinofen und das Holz musste vorher produziert werden (im Wald die zu 1m zurecht gesägten Bäume einsammeln, auf 40cm sägen, spalten, stapeln, umsetzen, stapeln in den Keller tragen).
Ich stelle fest: selbst nach E-Heizung in Frankreich (und bei Nordwind waren die Wände eher symbolisch) erscheint mir meine Weddinger Wohnung als Luxus. Gasheizung, Boiler für Warmwasser. Wäre auf Knopfdruck.
Habe ich ein Glück, dass ich nicht in eine "OH" Wohnung gezogen bin. Bei der ersten eigenen Wohnungssuche achtet man ja nicht auf alles.
...
Schön auch das ganze Ensemble mit Badeofen. Holzhacken für Warmwasser nur abends... Und morgens wachte ich auf, die feuchten Haare an der Wand festgefroren.
Will das nie wieder!
Trackback: Zum Glück Zentralheizung Auch wenn es zur zeit noch ungewöhnlich warm ist - der Winter wird kommen. In der Regel gibt e sbereits im November zwei sehr kalte Wochen, dann wird es im Dezember noch mal relativ warm. Erst im Januar kommt dann die strenge Kälte. So habe ich das z...
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